
Der eine Satz brauchte drei Zeilen, um zu sagen, was der andere in einer einzigen sagte, und lange hielt ich ausgerechnet den langen Satz für den besseren. Genau darum geht es beim Kürzen von Website-Texten für Coaches: nicht ums Wegschneiden an sich, sondern darum, zu erkennen, welche Version einer Kundin wirklich weiterhilft. Als Solopreneurin bist du beim Selbstmarketing gleichzeitig Chefin, Praktikantin und Texterin — kein Wunder, dass man an jedem Satz doppelt so lange sitzt wie nötig. Im Coaching-Marketing entscheidet meistens schon der erste Satz, ob jemand bleibt oder wegklickt.
Meine Faustregel nach vielen Umschreibrunden: Die kürzere Version gewinnt fast immer, außer die längere leistet etwas, das die kurze nicht kann — zum Beispiel Vertrauen aufbauen, bevor eine Kundin überhaupt weiß, ob sie dir traut. Genau an dieser Grenze setzt der Vergleich in diesem Artikel an: fünf Stellen auf einer typischen Coaching-Website, an denen ich beide Fassungen nebeneinandergelegt habe, und was am Ende tatsächlich besser funktioniert hat.
Akademiker-Satz oder Gesprächston: Zwei Versionen meiner Über-mich-Seite
Die erste Fassung meiner Über-mich-Seite las sich, als hätte ich sie für eine Fachjury geschrieben: „Durch gezielte Atemtechniken wird eine nachhaltige Regulation des vegetativen Nervensystems angestrebt." Klingt kompetent. Niemand versteht es beim ersten Lesen. Die zweite Fassung sagt fast dasselbe in einem einzigen Satz: „Ich zeige dir, wie du dich beruhigst." Beide Sätze stimmen inhaltlich. Nur einer davon bringt eine neue Kundin dazu, wirklich eine Nachricht zu schreiben.
Bevor ich bei dieser kurzen Version gelandet bin, hatte ich die Seite schon einmal komplett nach einer Pinterest-Vorlage für Lifestyle-Bloggerinnen umgeschrieben. Hübsch klang das Ergebnis, keine Frage — nur eben wie jede zweite Yoga-Seite, die man online findet, bloß ohne die passenden Fotos dazu. Am Ende habe ich auch diese Version verworfen und noch einmal von vorn angefangen.
Meine Schulfreundin Sabine Reuter, die beruflich mit Zahlen und nicht mit Sätzen zu tun hat, las den nächsten Entwurf und fragte nur: „Aber was bringt mir das konkret?" Genau diese Frage ist der beste Radiergummi, den ich kenne. Wer Nominalstil liebt, verliert dabei leicht aus den Augen, dass Substantivketten zwar gebildet klingen, aber niemandem sagen, was als Nächstes passiert.

Schritt 1: Füllwörter streichen — was der Wortliga-Score wirklich zeigt
Ein alter Absatz meiner Startseite, durch die Wortliga-Analyse gejagt, leuchtete fast komplett rot: Passivsätze, Blähwörter, verschachtelte Nebensätze ohne erkennbares Ende. Die gekürzte Version desselben Absatzes bestand am Ende nur noch aus kurzen, klaren Aussagen, und der Lesbarkeits-Score sprang deutlich nach oben.
Wörter wie „eigentlich", „vielleicht" oder „gewissermaßen" waren die ersten Streichkandidaten. Sie machen aus einer klaren Aussage eine vage Vermutung. „Ich versuche eigentlich, dir dabei zu helfen, ein bisschen entspannter zu sein" klingt nach nichts. „Ich zeige dir, wie du entspannst" bleibt hängen. Kürzen ist im Kern nichts anderes als Verständlichkeit herstellen — ein kürzerer Satz ist fast automatisch auch der klarere.
Schritt 2: Wie lang darf ein Satz auf einer Coaching-Website sein?
Als grober Richtwert gelten etwa 15 Wörter pro Satz für Online-Texte, alles darüber wird auf dem Bildschirm anstrengend zu lesen. Die lange Version eines Absatzes zieht sich schnell über fünf Zeilen, weil jeder Nebensatz noch ein Detail mehr bekommt. Die kurze Version bricht denselben Gedanken in zwei oder drei Sätze auf, die man beim Scrollen mit dem Daumen noch erfassen kann. Selbst eine einzelne Überschrift trägt oft mehr Ballast, als ihr guttut, wenn man versucht, drei Versprechen in eine Zeile zu quetschen.
Ganz konsequent kürzen ist trotzdem keine Lösung. Reiht man nur Drei-Wort-Sätze aneinander, klingt eine Seite wie ein Verkaufsautomat und nicht wie ein Mensch, der zuhören kann. Ein kurzer Satz nach einem etwas längeren, rhythmischen Satz baut eher Vertrauen auf, als wenn beide gleich klingen. Sogar dein Call-to-Action verliert an Kraft, wenn er in einem Schachtelsatz untergeht, den kaum jemand zu Ende liest.
Schritt 3: Passiv erkennen und in aktive Sätze verwandeln
„Es wird Ihnen geholfen, wieder freier zu atmen" und „Ich helfe dir, wieder freier zu atmen" transportieren fast dieselbe Botschaft — nur baut der erste Satz eine unsichtbare Mauer zwischen uns beiden auf. Passiv klingt professionell, glaubte ich lange. Es klingt vor allem distanziert.
Genau in diesem Muster steckte ich fest, als ich zum ersten Mal versucht habe, meine Über mich Seite zu schreiben — jeder zweite Satz begann mit „Es wird" oder „Es wurde", als würde ich über eine fremde Person berichten. Kürzen darf dabei nicht heißen, dass deine eigene Stimme verschwindet. Im Gegenteil, ein aktiver Satz klingt fast immer nach der Person, die ihn geschrieben hat.
Ein zuverlässiger Trick, um Passiv-Reste aufzuspüren: Suche nach Wörtern, die auf -ung, -heit oder -keit enden. Das sind oft Verben, die zu Substantiven erstarrt sind. „Die Durchführung der Atemübung führt zur Entspannung" wird zu „Atme tief ein und spüre, wie du loslässt" — derselbe Inhalt, aber auf einmal mit Bewegung drin.

Schritt 4: Methode oder Nutzen — was liest sich schneller?
Aus Stuttgart schreibt mir gelegentlich ein Leser, der Physiotherapeut Gregor Wendt, kurz, wie es mit der Website seiner eigenen Praxis vorangeht. Ihn interessiert nicht die Geschichte über meinen Weg zum Coaching, sondern eine Struktur, die er eins zu eins für seine eigene Seite übernehmen kann. Genau diese zwei Lesertypen gibt es: die einen wollen sich in einer Geschichte wiederfinden, die anderen wollen eine Vorlage, an der sie sich entlanghangeln können.
Storytelling und Kürzen schließen sich dabei nicht aus — eine gute Geschichte verträgt sogar besonders wenig Füllwörter, weil jedes überflüssige Wort die Spannung herausnimmt. Wichtiger als die Frage Geschichte oder Struktur ist ohnehin, ob ein Absatz einer Kundin hilft, eine Entscheidung zu treffen. Die Geschichte des Yoga aus einem vergangenen Jahrhundert ist spannend, keine Frage — nur gehört sie eher in einen Blogartikel als auf die Angebotsseite, wo jedes Wort für sich verkaufen soll.
Ich habe gelernt, dass es mehr bringt, die Wunschkunden direkt ansprechen und ihre Probleme beim Namen nennen, als jede Methode im Detail zu erklären. Wer weiß, was seine Kundin nachts wachhält, braucht dafür auffallend wenige Worte. Das Gleiche gilt, wenn du Merkmale in echte Vorteile übersetzt: „zertifizierte Atemtechnik" interessiert niemanden halb so sehr wie „du schläfst wieder durch". Kundenstimmen leiden übrigens unter genau demselben Problem wie jeder andere Text auf deiner Seite — ein Zitat mit drei Nebensätzen überzeugt weniger als ein einziger klarer Satz, und wer nach dem Problem-Agitate-Solution-Prinzip schreibt, merkt den Ballast meistens zuerst im mittleren Teil, wenn aus der Problembeschreibung ein kleiner Aufsatz wird.
Schritt 5: Reicht ein hoher Lesbarkeits-Score als Beweis?
Der Wortliga-Score stützt sich unter anderem auf den Flesch-Reading-Ease-Index, eine Skala, die misst, wie leicht sich ein Text lesen lässt. Ein hoher Wert fühlt sich gut an, ist aber kein Beweis, dass ein Text auch wirkt — nur, dass er sich flüssig liest. Kürzere Sätze helfen übrigens nebenbei auch dabei, in der Google-Suche gefunden zu werden, auch wenn das nochmal ein eigenes Thema für sich ist.
Den eigentlichen Beweis hatte ich, als ich die gekürzte Fassung meiner Startseite auf dem Handy geöffnet habe, während ich am Flaucher auf einer Bank saß — der Text scrollte sich wie ein Gespräch, nicht wie ein Formular. Kein Satz, an dem ich hängenblieb. Kein Zurückscrollen, um den Anfang eines Gedankens wiederzufinden.
Kurz oder ausführlich: Wann du welche Version wählst
Nach all den Vergleichen bleibt eine einfache Regel übrig. Die kurze Version gewinnt auf der Startseite, in der Überschrift, im Call-to-Action und überall dort, wo eine Kundin in Sekunden entscheidet, ob sie weiterliest. Die etwas ausführlichere Version darf bleiben, wo Vertrauen erst aufgebaut werden muss — zum Beispiel in einem einzelnen Absatz der Über-mich-Seite, der einer skeptischen Leserin zeigt, dass hinter dem Angebot ein echter Mensch mit echten Zweifeln steckt.
Sabine hätte bei diesem Absatz vermutlich trotzdem gefragt, was er ihr konkret bringt. Und das ist am Ende die beste Prüfung für jeden Satz auf deiner Website, ob lang oder kurz: Lässt sich die Antwort nicht in einem Nebensatz geben, gehört der Satz wahrscheinlich gestrichen. Trau dich also, die Schere anzusetzen — aber überleg bei jedem Schnitt, was die längere Version konnte, was die kurze nicht kann, und ob dir das wirklich fehlt.