
Der blinkende Cursor und der kalte Ingwertee
Es ist kurz vor elf Uhr abends hier in München, mein siebenjähriges Kind schläft endlich (nachdem es zum dritten Mal Wasser wollte), und ich starre zum gefühlt hundertsten Mal auf das leere Textfeld meiner „Über mich“-Seite. Der Cursor blinkt so rhythmisch, als würde er mich auslachen. Ich habe den ganzen Tag Yoga-Sessions gegeben, zwischendurch ein Knie verarztet und jetzt sitze ich hier – mit einem kalten Rest meines Tees, der nach abgestandenem Ingwer schmeckt, während das blaue Licht des Monitors meine Augen brennen lässt.
Vielleicht kennst du das? Vor etwa sechs Jahren habe ich mein Coaching-Business gestartet. Es lief alles über Mundpropaganda, was toll war – bis eine Lokalzeitung über mich berichten wollte. Sie fragten nach einem Link zu meiner Website. Und ich? Ich hatte nichts. Also baute ich an einem Wochenende hektisch meine erste Seite auf Jimdo. Aber als es zum Texten der Über-mich-Seite kam, war da nur Leere. Ich wollte nicht wie eine dieser überdrehten Marketing-Tanten klingen, aber „Hallo, ich bin Yoga-Lehrerin“ fühlte sich auch irgendwie... naja, nach nichts an.
Ich habe drei Monate lang diese Seite angestarrt. Ich habe zwei Schreibkurse angefangen und wieder abgebrochen. Ich hatte 14 verschiedene Entwürfe in einem Google Doc gesammelt – von „meiner spirituellen Reise“ (klang mir zu abgehoben) bis zu „knallharten Fakten“ (klang wie ein Beipackzettel). Erst Anfang April diesen Jahres, als ich kurz davor war, den Laptop aus dem Fenster im dritten Stock zu werfen, verstand ich die wichtigste Lektion überhaupt.

Der größte Fehler: Es geht gar nicht um dich (echt jetzt!)
Das klingt paradox, oder? Es ist DEINE Seite, dein Gesicht klebt drauf, aber der Text? Der sollte eigentlich von deinen Kunden handeln. Meine erste Version fing so an: „Ich praktiziere seit 15 Jahren Hatha Yoga und habe meine Ausbildung in Indien gemacht.“ Technisch korrekt, aber gähnend langweilig. Warum? Weil es nicht erklärt, was der Kunde davon hat.
Die Leute kommen auf deine Über-mich-Seite, weil sie ein Problem haben. Sie suchen jemanden, der sie versteht. Dein Lebenslauf ist für potenzielle Klienten erst einmal zweitrangig. Sie wollen wissen: Kannst du mir helfen, meine Rückenschmerzen loszuwerden oder endlich wieder durchzuatmen? Wenn du deine Wunschkunden ansprechen willst, musst du ihre Sprache sprechen, nicht die deines Zertifikats-Ordners.
Heute weiß ich, dass meine Kunden lesen wollen, dass ich ihre Atemnot in Ruhe verwandeln kann. Dass ich weiß, wie sich ein stressiger Büroalltag anfühlt, weil ich selbst jahrelang in einem saß und vergessen habe, wie man die Schultern locker lässt. Dein Text ist die Brücke von ihrem Problem zu deiner Lösung.
Meine 5-Schritte-Anleitung für deine Seite
Damit du nicht wie ich monatelang verzweifelst (und dir die geschätzten 1800 Euro für einen professionellen Texter sparen kannst, die ich damals auch nicht hatte), habe ich mein Chaos in ein System gegossen. Diese Struktur hat mir geholfen, meine Seite endlich auf eine gute Länge zu bringen – persönlich, aber mit Plan. Es geht beim Storytelling nicht darum, ein Drama zu inszenieren, sondern eine Verbindung aufzubauen.
Schritt 1: Das „Ich kenne das“-Gefühl
Starte nicht mit deinem Namen. Starte mit dem Moment, in dem dein Kunde gerade steckt. In meinem ersten Entwurf stand: „Mein Name ist [Name] und ich liebe Yoga.“ Heute starte ich damit, wie es sich anfühlt, wenn man vor lauter Stress vergisst zu atmen. Hol sie dort ab, wo sie gerade stehen. Wenn sie den ersten Satz lesen und denken: „Oh Gott, genau so geht es mir auch!“, dann hast du sie gewonnen.
Schritt 2: Die Verwandlung (Das Versprechen)
Hier erklärst du kurz, was passiert, wenn man mit dir arbeitet. Nicht die Technik (die kommt später), sondern das Gefühl danach. Beschreibe den Zustand nach dem Coaching. Ist es Klarheit? Schmerzfreiheit? Ein tieferes Durchatmen? Halte es simpel. Wir Solopreneure neigen dazu, uns in komplizierten Fachbegriffen zu verlieren, weil wir denken, das wirkt professioneller. Tut es nicht. Es wirkt distanziert.
Schritt 3: Warum ausgerechnet du?
Jetzt darfst du kurz über dich sprechen. Aber nur in Bezug auf deine Expertise für genau dieses Problem. Warum machst du das? Was qualifiziert dich? Ich erzähle hier oft von meinem eigenen Weg vom stressigen Marketing-Job zur Yoga-Matte – das schafft Vertrauen. Es zeigt, dass ich nicht nur Theorie lehre, sondern weiß, wie der Schlamassel von innen aussieht.

Schritt 4: Beweise und Fakten
Ein bisschen Autorität schadet nicht. Zertifikate, Jahre an Erfahrung oder einfach eine ehrliche Zahl an zufriedenen Kunden. Das gibt dem Ganzen Bodenhaftung. Statistisch gesehen ist die Über-mich-Seite die am zweithäufigsten besuchte Unterseite nach der Startseite – die Leute wollen wissen, ob sie dir vertrauen können, bevor sie Geld überweisen. Ein, zwei Sätze zu deiner Ausbildung reichen völlig aus. Niemand braucht eine Liste jedes Wochenendseminars seit 2012.
Schritt 5: Der Call-to-Action
Lass sie nicht einfach so gehen! Was sollen sie jetzt tun? Ein Kennenlerngespräch buchen? Dich abonnieren? Sag es ihnen klipp und klar. Es ist kein „Aufschwatzen“, es ist eine Einladung. Wenn sie bis hierhin gelesen haben, wollen sie mehr. Gib ihnen den nächsten logischen Schritt. Bei mir ist das meistens der Hinweis auf ein kurzes Telefonat, um zu sehen, ob die Chemie stimmt.
Wie ich endlich den „Veröffentlichen“-Button fand
Es war ein Dienstagabend im Mai, als ich endlich auf den Knopf drückte. Ich hatte so viel Angst, dass jemand denkt: „Wer glaubt sie eigentlich, wer sie ist?“ Aber wisst ihr, was passierte? Nichts Schlimmes. Keine „Marketing-Polizei“ klopfte an meine Tür. Stattdessen kam zwei Tage später die erste E-Mail von einer Frau, die schrieb: „Ich habe mich in deinem Text sofort wiedergefunden. Genau dieses Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen... können wir reden?“
In diesem Moment fiel die ganze Anspannung der letzten Monate von mir ab. Dieses plötzliche Lockern der Kiefermuskulatur – ein Gefühl, das ich sonst nur nach einer langen Savasana-Einheit kenne. Bevor du aber so weit bist, solltest du unbedingt deine Webseitentexte selbst Korrektur lesen. Ich hatte in meinem ersten Entwurf tatsächlich meine eigene Telefonnummer falsch getippt, weil ich so nervös war. Das wäre peinlich geworden!
Ehrlich gesagt habe ich das meiste an meiner aktuellen Seite abends geschrieben, während mein Kind im Nebenzimmer endlich schlief und der Haushalt mal kurz warten musste. Wie ich diesen Workflow zwischen Coaching und Kind organisiere, ohne komplett wahnsinnig zu werden, habe ich neulich mal in einem anderen Text aufgeschrieben. Es ist ein Balanceakt, aber es ist machbar.
Ein letzter Rat von einer Nicht-Texterin
Wenn du gerade an deiner Seite sitzt: Überdenke nicht jede Headline. Dein Text muss nicht perfekt sein, er muss nur echt sein. Wir Solopreneure neigen dazu, uns hinter einer professionellen Maske zu verstecken, weil wir Angst haben, nicht „genug“ zu sein. Aber deine Kunden kaufen dich, nicht dein Zertifikat an der Wand. Wenn du dich beim Schreiben so fühlst, als würdest du es einer guten Freundin bei einem Glas Wein erklären, dann bist du auf dem richtigen Weg.
Vermeide die typischen Floskeln wie „leidenschaftlich“, „ganzheitlich“ oder „lösungsorientiert“, wenn sie sich für dich nicht natürlich anfühlen. Schreib lieber: „Ich helfe dir, morgens ohne Nackenschmerzen aufzustehen.“ Das versteht jeder. Du schaffst das. Und jetzt: Mach dir erst mal einen frischen Tee. Einen, der nicht nach abgestandenem Ingwer schmeckt.