
Eine Kurzvita hat selten mehr als hundert Wörter, und trotzdem sitzen die meisten Coaches beim Bio schreiben länger davor als vor ihrer kompletten Startseite.
Bei mir war es eine Anfrage von einem Yoga-Podcast, die genau diesen Satz enthielt: Schick uns noch dein Press Kit und eine Kurzvita. Für Selbstmarketing als Coachin klang das erstmal simpel — bis ich merkte, dass ich zwar vierzehn Entwürfe für meinen Newsletter in einem Google Doc hatte, aber keinen einzigen Absatz, der einem fremden Redakteur erklärt, wer ich eigentlich bin.
Kurzvita, Bio oder Über-mich-Seite: Was ist der Unterschied?
Mein erster Reflex war, einfach die Über-mich-Seite zu kürzen. Genau da liegt der Denkfehler, den fast jede Solopreneurin einmal macht.
Eine Kurzvita ist kein Lebenslauf und keine Lebensgeschichte, sondern eine Brücke zwischen dir und jemandem, der dich noch nicht kennt. Die meisten Redaktionen und Podcast-Hosts verlangen außerdem eine Version in der dritten Person, damit sie dich ohne Umschreiben ankündigen können. Wie eine Über-mich-Seite aufgebaut sein sollte, folgt eigenen Regeln, die hier nicht gelten — genauso wenig wie die generellen Regeln für Webseiten-Texte.
Einmal habe ich versucht, meine Über-mich-Seite nach einer Pinterest-Vorlage für Lifestyle-Bloggerinnen umzuschreiben, weil die Struktur so aufgeräumt aussah. Das Ergebnis klang wie eine Reisebloggerin, die zufällig auch atmet: professionell, aber komplett an mir vorbei. Für eine Kurzvita wäre der Text sowieso viel zu lang und zu privat gewesen.

Dritte Person, erste Hürde
Sich selbst in der dritten Person zu beschreiben fühlt sich anfangs seltsam an, fast so, als würdest du über eine andere Frau reden, die zufällig genauso heißt wie du. Diese Distanz hilft dir aber, weniger zu rechtfertigen und mehr einfach zu behaupten.
Eine Kurzvita, die jeden ansprechen will, spricht am Ende niemanden direkt an. Deshalb schreibe ich sie für eine ganz bestimmte Person mit einem ganz bestimmten Problem, nicht für Kolleginnen aus dem Coaching-Bereich, die sowieso schon wissen, was ich mache.
Wie lang muss eine Kurzvita sein?
Gregor Wendt, ein Physiotherapeut aus Stuttgart, der meinen Blog schon länger liest, hat mir dazu vor Kurzem geschrieben. Er wollte eine klare Reihenfolge, bevor er auch nur ein Wort schreibt (typisch für ihn, wie ich mittlerweile weiß).
Also, in der Reihenfolge: zuerst der Elevator, zwei knackige Sätze für die schnelle Vorstellung auf einer Konferenz oder in einer E-Mail. Dann der Standard, ungefähr hundert Wörter, wie ihn die meisten Online-Magazine für eine Autoren-Bio verlangen. Und zum Schluss der Speaker, die Version in der dritten Person für Moderationen und Podcast-Ankündigungen.
Für die gedruckte Variante hatte ich meine Bio einmal auf einem Blatt im klassischen DIN-A4-Format vor mir liegen, und die Seite wirkte plötzlich endlos groß. Die Realität online ist enger: Ein Limit von hundert Wörtern klingt nach viel, ist aber knapp, wenn jede Menge Praxiserfahrung hineinsoll, ohne dass die Sätze zu einer Liste aus Stichpunkten werden.
Dagegen sind die hundertfünfzig Zeichen für eine Instagram-Bio fast eine Erleichterung, du musst gar nicht erst versuchen, tiefgründig zu sein, sondern triffst automatisch den Kern. Bei einer Kurzvita für einen Gastbeitrag fehlt genau dieser Zwang zur Kürze, und trotzdem tut er der Sache gut.

Eine zweite Version für die Pressemappe
Für die Pressemappe braucht es nochmal eine eigene Fassung, etwas nüchterner als der Speaker-Text für einen Podcast. Weniger ist hier oft mehr: Ein starker Satz über das Ergebnis deiner Arbeit wiegt schwerer als drei Sätze über Ausbildung oder Zertifikate — Vorteile statt Merkmale, wie es im Marketing heißt, auch wenn ich den Ausdruck lange nicht kannte.
Der letzte Satz entscheidet, was nach dem Lesen passiert
Ich habe lange gebraucht, um zu merken: Eine Kurzvita ohne klaren Call-to-Action verpufft einfach. Wenn jemand deinen Gastbeitrag liest und sofort denkt, diese Frau versteht mich, muss klar sein, wohin der nächste Klick führt.
Bei mir ist das je nach Anlass meine Warteliste für Coaching-Anfragen oder die Seite, auf der ich die Zusammenarbeit auf meiner Website beschreibe — nie beides gleichzeitig, sonst zögert der Leser nur.
Kurzvita fertig - jetzt zählt der Feinschliff
Sabine, meine Schulfreundin aus München, die heute als Steuerberaterin arbeitet, liest jeden Entwurf gegen und sagt ungefragt, wenn ein Satz zu kompliziert oder einfach zu lang geraten ist. Verständlichkeit schlägt Eloquenz, das hat sie mir öfter klargemacht, als mir lieb war.
Neulich saß ich am Isar-Ufer bei der Wittelsbacher Brücke und habe aus Neugier meinen eigenen Namen gegoogelt, um zu sehen, was ein Redakteur findet, kurz bevor er mich anschreibt. Weggeklickt habe ich nicht — zum ersten Mal habe ich einfach weitergelesen, ohne mich innerlich zusammenzuziehen.
Am Ende bleibt bei mir ein Google Doc mit drei fertigen Versionen, die ich nur noch anpasse, statt jedes Mal neu zu schreiben. Wenn eine Kurzvita der Person hilft, die gerade eine Entscheidung treffen muss — buchen, einladen, weiterlesen —, hat sie ihren Job erledigt. Alles andere ist Kür, und Kür schreibt sich erst, wenn das Pflichtprogramm längst steht.